Nachhaltigkeit im OP

Green OP Physician World Grafik (1000 × 500 px)

Mülltrennung im OP - was beim ersten Hinhören amüsant und nach behäbiger Kehrwoche klingt, ist ein einfacher, aber effektiver Schritt zum Umweltschutz im OP.  Das Thema Nachhaltigkeit hat die Gesundheitsversorgung erreicht und bewegt auch die Chirurginnen und Chirurgen. Wo liegen die Probleme, welche Lösungen sind einfach umsetzbar, und welche Hürden müssen noch eingerissen werden? 

Vom 10. bis 13. Mai 2023 fand in Rimini, Italien, DER Handchirurgen-Kongress in Europa statt. Der Fachverband FESSH hatte eingeladen, und über 2000 Handchirurgen aus ganz Europa kamen. Auf der Agenda: „The Green Hand: Sustainability in Hand Surgery & Hand Therapy". Die Sitzung wurde geleitet von unserer Professorin Leila Harhaus-Wähner gemeinsam mit Professor Zaf Naqui aus Großbritannien und Dr. Michelle Spiteri aus Italien.

Nachhaltigkeit im OP – ein Herzensthema der Handchirurgin. Und offensichtlich auch der Fachbesucher: Der Sitzungssaal war rappelvoll, einige mussten stehen. Und allgemein wurde der Wunsch laut, diesem Thema im nächsten Jahr mehr Raum zu geben. Auch Professorin Harhaus war begeistert vom Thema, der Stimmung, den Diskussionen und der überraschend großen Aufmerksamkeit, die die Session erzielte. Frisch zurück aus Italien, sprachen wir mit ihr über den „Grünen OP“. 

Frau Professor Harhaus, warum ist Nachhaltigkeit im Handchirurgie-OP überhaupt ein Thema?
Prof. Harhaus-Wähner: In der Handchirurgie liegt im Vergleich zu anderen Bereichen sehr viel Potential, Prozesse zu verändern. Wir haben es mit vielen relativ kurzen Eingriffen zu tun, bei denen aber bisher enorm viel Verbrauchsmaterialien und damit Müll produziert wird. Wir können hier mit wenigen Veränderungen schon ganz viel erreichen, indem wir beispielsweise auf unnötige Abdeckungen verzichten und mehr in lokaler Anästhesie arbeiten. 

Wie ist die Situation und was kann für mehr Nachhaltigkeit getan werden?
Prof. Harhaus-Wähner: Wir haben auf dem Kongress die Erkenntnis, Bereitschaft und den Willen zur Veränderung gesehen. Die Umsetzung ist jetzt der nächste Schritt. 

Was wurde konkret auf dem Kongress diskutiert?
Prof. Harhaus-Wähner: Wir hatten sechs spannende Vorträge, in denen es zunächst um Zahlen, Daten und Fakten ging. Also wie viel Müll fällt überhaupt bei den OPs an, wie hoch ist der Energieverbrauch und die Belastung der Umwelt im Vergleich. Ganz spannend war natürlich zu hören, was schon umgesetzt wird, welche Lösungen die einzelnen Gruppen für ihr Haus bereits erarbeitet haben.Green Hand Session in Rimini_Gruppenbild_klein

Nachhaltigkeit ist international ein Thema: (v.l.) Michelle Spiteri (Italien), Leila Harhaus-Wähner (BG Klinik Ludwigshafen), Zaf Naqui (Großbritannien), Nicoline de Haas (Niederlande), Zoe Thompson (Großbritannien) und Katie Dickson (Großbritannien) beim FESSH-Kongress in Italien. "Allgemein wurde der Wunsch laut, dem Thema Nachhaltigkeit bei den Fachkongressen mehr Raum zu geben" (Prof. Harhaus).
 

Dabei konnte man sehen, dass mit wenig Aufwand erhebliche Ergebnisse erzielt werden können. Zum Beispiel kann ein zweiter Müllsack („Gelber Sack“) für die Mülltrennung im OP viel Energie einsparen, denn die Umverpackungen der Materialien müssen nicht mit dem medizinischen Abfall energieintensiv als Sondermüll verbrannt werden. 

Die Kollegen aus Großbritannien etwa haben eine „Green OR-Checkliste“ eingeführt, an der sie sehen, wo sie Punkt für Punkt Müll und Energie sparen können. Dies beginnt bereits bei der Anästhesie. Inhalative Anästhetika wie zum Beispiel Isofluran sind eine Belastung für die Umwelt. Dabei kann man sehr viele Operationen in intravenöser oder lokaler Anästhesie machen. Viel Potential gibt es bei Materialien und Verpackungen. Schrauben müssen nicht einzeln eingeschweißt sein, postoperativ können Schienen aus bioabbaubaren Materialien gefertigt werden anstatt aus thermoplastischen Kunststoffen. Es gibt sehr viele Möglichkeiten.

Wie sieht es mit der Umsetzung aus?
Prof. Harhaus-Wähner: In den Diskussionen kam immer wieder die Frage auf „Wie soll ich mein Krankenhaus dazu bringen, da was zu machen?“. Jeder einzelne ist zwar motiviert und es gibt viele Ideen, aber in vielen Häusern ist es schwierig, Prozesse zu ändern. Damit müssen wir uns befassen. 

Ich bin stolz auf uns, wir gehen hier gemeinsam und im Auftrag unserer Geschäftsführung voran. Wir haben an der BG Klinik Ludwigshafen Arbeitsgruppen gegründet, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen. Wir erarbeiten interdisziplinär umsetzbare Vorschläge, die im Alltag integrierbar sind. Entscheidend ist das Mandat der Unternehmensleitung, hier konkrete Projekte umsetzen zu können. Für mich ist das ein Vorzeigebeispiel, über das ich sicher auf dem nächsten Kongress berichten werde.

Was war für Sie die Quintessenz der Diskussion? 
Prof. Harhaus-Wähner: Wir haben keine Zeit mehr. Wir müssen jetzt beginnen, nachhaltiger zu werden. Gemeinsam schaffen wir das.

Die Fragen stellte Ute Kühnlein.

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Professorin Dr. med. Leila Harhaus-Wähner...

Professorin Leila Harhaus-Wähner ...ist Chefärztin der Abteilung Handchirurgie, Periphere Nervenchirurgie, Rehabilitation. Zugleich ist sie stellvertretende Direktorin der Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie, Mikrochirurgie – Schwerbrandverletztenzentrum.

In ihrer Abteilung bündelt sie die gesamte therapeutische Versorgung von Verletzungen und Erkrankungen der Hand und des Handgelenks. Dazu gehört ein Team, das rund um die Uhr Replantationen an Fingern, der ganzen Hand oder dem Arm vornehmen kann. Spezialgebiete gibt es viele, darunter Eingriffe am Plexus brachialis (dem Armnervengeflecht),  Eingriffe bei einer Fazialisparese (Gesichtsnervenlähmung),  funktionsverbessernde Behandlung von Lähmungen bei Querschnittpatienten und bei Spastiken.

Zur Abteilung gehört ein großer spezifischer handtherapeutischer Rehabilitationsbereich. Denn für eine gelungene Rehabilitation braucht es mehr als den operative Eingriff.  Hier arbeiten Expertinnen und Experten aus der Physiotherapie, Ergotherapie, Chirurgie, Schienenversorgung, Sporttherapie, Psychologie und etlichen weiteren Fachgebieten Hand in Hand.

Mehr Infos auf der Website der Handchirurgie der BG Klinik Ludwigshafen.

Glossar: 

FESSH
Federation of the European Societies for Surgery of the Hand. Dachverband der handchirurgischen Gesellschaften in Europa.

Green-OR-Checkliste
Checkliste für den "Green Operation Room", also den Operationssaal.  

 

GESCHRIEBEN VON Ute Kühnlein
Ute Kühnlein
AM 13.Juni 2023 12:50:29